Wo liegt denn bitte „Odziena“? Und was ist „Hirschenhof“?


Seit dem 11. August 2019 findet das erste Paul-Schiemann-Seminar des DBJW in Odziena statt. Aber wo liegt dieses Odziena überhaupt?

Zum ersten Mal erwähnt wurde „Odensee“ (lett. „Odziena“) 1449, als Bertram von Tiesenhausen das Gut von seinem Vater erbte. Bis 1625 sollte es im Besitz der Familie von Tiesenhausen bleiben, bis es der schwedische König Gustav II. Adolf es seinem Oberst Johann Reinhold Streif von Lauenstein schenkte. Ihm folgten verschiedene unbekannte Besitzer, bis Feldmarschall Pjotr Schuwalow 1744 das Gut von der russischen Kaiserin Elisabeth I. erhielt. Dieser verkaufte es aber noch im selben Jahr an Major Engelbrecht von Brümmer, in dessen Familie es bis zur Agrarreform 1920 blieb. Der Gutsbezirk umfasste neben dem Herrenhaus 21 weitere Gebäude darunter drei Krüge (Wirtshäuser) und zwei Mühlen.

In der Nacht vom 27. auf den 28. November 1905 wurde das Schloss Odensee – in den 1860er Jahren als eines der interessantesten neogotischen Gebäude im heutigen Lettland errichtet – von Revolutionären niedergebrannt und blieb als Ruine stehen

Seit einigen Jahren werden die Gebäude von Odziena renoviert und modernisiert. 2012 wurde das Gästehaus „Krogusmāja“ im alten Wirtshaus fertiggestellt, wo die Teilnehmer des Paul-Schiemann-Seminars wohnen und tagen. In der ehemaligen Molkerei wurden zwei Jahre später eine kleine Brauerei ("Pilsbrūzis") und weitere Gästezimmer eingerichtet. Seit 2015 sind Teile der Schlossruine neu überdacht und schöne Säle eingerichtet, die besonders für Hochzeitsfeiern beliebt sind. In den nächsten Jahren soll das ganze Schloss in historischen Glanz erstrahlen.


Direkt nördlich an den alten Gutsbezirk von Odensee/Odziena grenzt „Hirschenhof“ (lett. „Irši“), ein Name, mit dem ein ganz besonderes Kapitel deutschbaltischer Geschichte verbunden ist. Nachdem die Zarin Katharina II. 1762 an die Macht gekommen war, ließ sie in Deutschland Menschen dafür anwerben, um nach Russland auszuwandern. Fast alle dieser Menschen bekamen Land an der Wolga zugewiesen (die späteren „Wolgadeutschen“). Aber dreihundert Personen wurden nach Livland geschickt. Nach „Hirschenhof“, das zu der Zeit Teil der kaiserlichen Domäne war. Dieses Gutsland wurde in Bauernhöfe auf- und an die Kolonisten verteilt, denen Selbstverwaltung und andere Privilegien versprochen wurden.

Die Hirschenhöfer gründeten Familien und wurden bald für ihren Kinderreichtum berühmt. Da aber die Zahl der Bauernhöfe begrenzt war, wanderten viele ihrer Söhne in die Städte ab und wurden Handwerker. Sie blieben aber „Hirschenhöfer“, eine Gemeinschaft, durch ihre gemeinsamen bäuerlichen Wurzeln in Ostlivland verbunden und von den anderen Deutschbalten oft argwöhnisch betrachtet.


Einer dieser „Hirschenhöfer“, Dr. Robert Erhardt (1874-1940) wurde Ältester der Großen Gilde in Riga und sogar Finanzminister im zweiten und dritten Kabinett der freien Republik Lettland. Sein Neffe Heinz Erhardt (1909-79) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg einer der berühmtesten Komiker und Filmemacher Westdeutschlands.

Auch heute sitzt wieder ein „Hirschenhöfer“ im lettischen Kabinett: Denn auch Dr. Artis Pabriks, Verteidigungsminister und stellvertretender Ministerpräsident, stammt von Hirschenhöfern ab. Und hat die Schirmherrschaft über das Paul-Schiemann-Seminar 2019 übernommen.